↑ ↓

Zeiss Marineglas im Auslieferungszustand

Dieses Thema im Forum "Ausrüstungsgegenstände" wurde erstellt von Rahmenglas, Okt. 3, 2021.

  1. Rahmenglas

    Rahmenglas Bekanntes Mitglied AbzeichenUser

    Hallo Stefan,

    das denke ich schon. So bezog sich der Versailler Vertrag, wenn er von „Kriegsgerät jeder Art“ spricht, mit ziemlicher Sicherheit auch auf Ferngläser. Immerhin war Art.170 Satz 2 VV der Grund, warum Zeiss 1921 „NEDINSCO“ (Nederlandsche Instrumenten Compagnie) gegründet hat bzw gründen musste. Seeger türkis (Feldstecher 1919-1946), S.63 schreibt dazu: „Am 21.Januar 1921 wurde die NV Nederlandsche Instrumenten Compagnie in Den Haag gegründet. […] „Zeiss hielt über Nedinsco die laut Versailler Vertrag untersagte Kriegsgeräteausfuhr nach allen Teilen der Welt aufrecht“.“

    Zwar war Zeiss meines Wissens nach in Reichswehrzeiten einer der Hauptlieferanten für optisches Gerät (die nach Art.168 I VV erforderliche Genehmigung ist also erteilt worden). Ich würde es aber wegen der o.g. Geltung des VV auch für die Fernglasproduktion, nicht ausschließen, dass die Siegermächte eben auch diese (v.a. mengenmäßig) kontrollierten. Ich halte es sogar für wahrscheinlich, dass die Anordnungen des Art.169 VV auch für Ferngläser galten. Immerhin ist ein Bostoner Händler bekannt, der in der unmittelbaren Nachkriegszeit tausende (!) (gesprochen wird von 50.000 Stück) Ferngläser 08 in den USA für den Privatverkauf verkauft hat. Nicht alle dieser Modelle sollen aus Lagerbeständen oÄ stammen. Und wenn unter „Kriegsgerät“ auch Ferngläser fielen, wovon ich ausgehe (s.o.), dann galt auch der Leitgedanke des VV für sie, nämlich das Maß der Rüstung (und so auch der Fernglasproduktion) auf das niedrigste mit der inneren Sicherheit zu vereinbarende Maß zu reduzieren. Wollte man das umgehen, so musste man sich „Tarnungsmechanismen“ einfallen lassen.

    Aber wie immer, das ist nur meine Meinung !

    Grüße Frieder
     
  2. Amberg

    Amberg Bekanntes Mitglied AbzeichenUser

    Moin,
    Norinab, Stockholm nicht zu vergessen.

    Die frühen Glasvisiere 16 von Zeiss findet auch mit dem "K" markiert. Irgendwo hab' ich auch mal 'was über die Bedeutung des "K" gelesen und bringe es auch mit der GPK in Verbindung. Mal sehen, ob ich das wieder finde.
    In meiner Sammlung hab' ich auch noch ein Gerard Mod. M4x Zielfernrohr, das am hinteren Montagering mit einem Abnahmestempel (Krone über "L") versehen ist (Foto).

    Gruß
    Wolfgang
    M4x_V.jpg
     
  3. Maxim

    Maxim Bekanntes Mitglied AbzeichenUser

    Moin Frieder,

    In diesem Artikel der Jenaische Zeitung vom 29.10.1920 werden aus zeitgenössischer Perspektive zwei andere, vor allem wirtschaftliche Motive genannt:

    1. Die IMKK forderte von Zeiss die Zerstörung von Präzissionslinsen (vermutlich nicht für Handferngläser 8x30) und die Maschinen zu ihrer Herstellung. Gleichzeitig berichtet die Zeitung von Angeboten einer englischen Firma zur Lieferung von Ferngläsern an die Reichswehr. Die Jenaische vermutet dahinter einen Versuch der deutschen optischen Industrie den Todesstoss zu versetzen.

    Für unseren Zusammenhang aber wichtiger:

    2.Deutsches Geld- und Sachvermögen im Ausland unterlag nach Paragraph 18 der Anlage 2 zu Artikel 244 Teil 8 des Versailler Vertrages dem Zugriff der Alliierten, sofern Deutschland anderweitige Verpflichtungen nach diesem Vertrag nicht erfüllte.

    Zeiss musste also immer damit rechnen, dass die Lieferungen zB der 50000 Ferngläser in die USA beschlagnahmt wurden, wenn Kohlelieferungen nach Frankreich nicht pünktlich erfolgten.

    Da wäre es natürlich zweckmäßig, wenn man eine holländische Firma nach holländischem Recht gründen würde, um dieser Beschlagnahme zu entgehen.

    https://www.thueringen100.de/blog/oktober-1920/unfairer-geschaeftsvorteil-fuer-die-entente/

    Gruß
    T
     
    Alpenkorps1915 gefällt das.
  4. Mainschiffer

    Mainschiffer Sponsor AbzeichenSponsor

    Deine Ausführungen hören sich aber sehr plausibel an, so dass ich meine Bedenken offiziell zurücknehme :).
    Nochmal danke für deine ausführlichen Erläuterungen zu diesem Thema.

    Stefan
     
  5. Alpenkorps1915

    Alpenkorps1915 Sponsor AbzeichenSponsor

    Da mich Thomas per PN darauf angesprochen hat und ich in Jena wohne, hier noch eine kurze Ergänzung für alle zum nachlesen:

    In Jena erschienen zur damaligen Zeit zwei Zeitungen, die durchaus um die Lesergunst konkurierten 1) die "Jenaische Zeitunge", die ältere der beiden, in ihrer Ausrichtung deutsch-national z.T. auch völkisch. Es muss einen also nicht verwundern, a) dass diese Zeitung das Thema auf der Titelseite in einem großen Beitrag breittritt!

    2) gab es das "Jenaer Volksblatt", in seiner Ausrichtung bürgerlich bis liberal. Nach Gründung der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) 1919, wurde sie dessen Sprachrohr. Schaut man nun in die Ausgabe des Volksblattes vom 29.10.1920, klärt sich die Sache mit der der vermeintlich angedrohten Zerstörung bei Zeiss recht schnell auf:


    Screenshot 2021-10-10 at 17-34-01 https zs thulb uni-jena de.png

    Demnach also eine klassische Zeitungsente, bzw. der Versuch gegen die Ententemächte und den Versailler Vertrag "Stimmung" zu machen. Beachtet mal die ganz fein gesetzten ironischen Zwischentöne im kurzen Artikel des "Volksblattes", köstlich ;)

    Viele Grüße aus Jena
    Immanuel
     
    Maxim gefällt das.
  6. Maxim

    Maxim Bekanntes Mitglied AbzeichenUser

    Moin Immanuel,

    besten Dank für diese Richtigstellung von fake news nach 100 Jahren!
    (es ist halt immer gut einen Jenenser Historiker an Bord zu haben)
     
    Alpenkorps1915 gefällt das.
  7. Rahmenglas

    Rahmenglas Bekanntes Mitglied AbzeichenUser

    danke euch für eure weiteren wertvollen Beiträge !

    Frieder
     
  8. Amberg

    Amberg Bekanntes Mitglied AbzeichenUser

    Moin,
    Das find' ich jetzt doch irritierend.
    In dem Buch "Deutsche Maschinengewehre" steht auf Seite 417 folgendes:
    "Vor dem Krieg waren die ZF mit einem Truppenstempel auf der Stelltrommel und mit dem Buchstaben "K" für "Kontrolle" als Abnahmezeichen zu versehen."
    und
    "Auch wenn während des Krieges die Truppenstempel weggelassen wurden, so wurde das Abnahmezeichen "K" auch weiterhin angebracht."

    Gibt es bezüglich dieser Aussagen neue Erkenntnisse?

    Danke
    Gruß
    Wolfgang
     
  9. Maxim

    Maxim Bekanntes Mitglied AbzeichenUser

    Moin Wolfgang,
    leider nicht.
    Ausser dem K auf den Realstücken ZF 12 fanden wir in den Archivalien keine Hinweise darauf, wer die Optiken abgenommen hat und wo das geschah.
    In den relativ komplett überlieferten Unterlagen der bayerischen Feldzeugmeisterei fanden sich nur Angaben darüber, was Bayern für die ZF bezahlt hatte.
    In den Fällen MG 08 und Pistole 08 bedeutete das, dass die Bayern die Waffen auch von den Preussen abnehmen ließen.
    Aber ob das auch für Optik aus Berlin,Wetzlar und Jena galt? Keine Ahnung.
    Auch in der D.V.E Nr 420 "Die optischen Instrumente der Infanterie..." keine Hinweise.
    Gruß
    Thomas
     
House Of History Heeresgeschichten Hans Tröbst Sammlergemeinschaft Deutscher Auszeichnungen Wöschler Orden Militaria und Antiquitäten